OFFENER BRIEF des Zentrums für Friedensarbeit-Otto Lilienthal- Hansestadt Anklam


Frau Bundeskanzlerin Anklam, 04.06.2007
Dr. Angela Merkel
Willi Brandt Straße 1
10557 Berlin


zur Kenntnis:
Teilnehmer und Interessenten am G8 Gipfel 2007



Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,

mit Ihrem Schreiben vom 05.01.2005 hatten Sie die Schaffung des Zentrums für Friedensarbeit-Otto Lilienthal-Hansestadt Anklam, mit sehr ermutigenden Worten unterstützt. Im Gegensatz dazu, blieb unser Brief vom 30.11.2006, betreffend einen Beitrag des Friedenszentrums zum G8 Gipfel in Heiligendamm, unbeantwortet. Wir bedauern dies, denn ohne Frieden keine Lösung für viele der Probleme, mit denen sich der G8 Gipfel beschäftigt.

Auf Anregung der Landtagspräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Sylvia Brettschneider, haben wir dennoch am 04.06.2007 eine öffentliche Diskussion zum G8 Gipfel organisiert. Daran nahmen neben den Herren Matthias Gürtler, Dompfarrer Greifswald, Prof. Karl-Heinz Strech, Direktor Theaterakademie Vorpommern, Peter Ritter, Landesvorsitzender DIE LINKE.PDS, Landrätin Dr. Barbara Syrbe, Christian Bartelt, Kreistagsabgeordneter FDP, führende Repräsentanten und Bürger der Stadt Anklam teil

In der Diskussion wurden die nachfolgenden Positionen zum G8 Gipfel vertreten:
1.Die entscheidende Aufgabe der G8 Regierungen ist es, dafür Sorge zu tragen, daß die derzeit durch Aufrüstung und Krieg gebundenen Mittel von über 1000 Milliarden $ pro Jahr, zur Bewältigung von Zivilisationsrisiken wie dem Klimawandel, eingesetzt werden.
Als Sofortmaßnahme schlagen wir die Reduzierung der Militärausgaben aller G8 Staaten um 15% zugunsten der Einführung alternativer Energie vor.
2.Jedes Vorgehen gegen die nukleare Aufrüstung einzelner Staaten, bei gleichzeitiger Duldung des nuklearen Waffenpotentials anderer, ist unlogisch und hat keine Aussicht auf Erfolg. Ohne eine strikte UNO-Kontrolle jeglicher Waffenproduktion und des internationalen Waffenhandels ist die Durchsetzung weltweiter Friedenssicherung eine Illusion. Die G8 Staaten sollten der UNO eine Weltabrüstungskonferenz innerhalb der nächsten 12 Monate vorschlagen.

3.Jeder Vierte auf der Erde hungert, jeder Fünfte kann nicht lesen und schreiben. Das zu ändern, ist der beste „Krieg gegen den Terrorismus". Wir erwarten einen meßbaren Beitrag der G8 zur Umsetzung der UN- Menschenrechtsdeklaration von 1948.
4.Der Weltraum ist Weltanliegen. Die G8 Regierungen sollten nationale oder regionale Weltraumprogramme ohne internationale Kontrolle, wegen der Gefahr militärischer Inhalte, strikt ablehnen.
5.Die Bürger tragen die Last der Rüstung und das Leid der Folgen. Militärpolitische Grundsatzentscheidungen der G8 sollten zum Gegenstand von Volksabstimmungen gemacht werden.
6.Ein Meinungsaustauch der G8 Regierungschefs ist sinnvoll. Wir wenden uns jedoch entschieden gegen unangemessenen Aufwand und groteske Abschirmmaßnahmen wie bei deren Treffen in Heiligendamm. Das Amt der G8 Regierungschefs sollte diese verpflichten, sich wie Diener am Volk zu verhalten
.

Mit großer Hochachtung

Prof. Dr.Dr. Stephan Tanneberger
Stiftungsvorstand
ZENTRUM FÜR FRIEDENSARBEIT -OTTO LILIENTHAL - HANSESTADT ANKLAM ( www.friedenszentrum-anklam.de <http://www.friedenszentrum-anklam.de> )

Gedanken zur Ideenkonferenz „Unter Bombenteppichen wächst kein Frieden" anläßlich des 2. Anklamer Friedenstages
von
Prof. Dr.Dr. Stephan Tanneberger (Bologna
)
stephan.tanneberger@antitalia.org


Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden (Lukas 2.14)
Krieg der Vater aller Dinge (18./19JH)
Die Waffen nieder (Berta v.Suttner,1892)
Nie-wieder Krieg (Soldatenschwüre1945)
Waffen für den Frieden (SU, DDR 1945-1990)
Krieg das Ende aller Dinge (Einstein, 21.JH)


Diese nebeneinandergestellten Positionen zu Krieg und Frieden zeigen deutliche Unterschiede. Und dabei gab und gibt es zusätzlich innerhalb der einzelnen Lager wiederum gegensätzliche Auffassungen. Das gilt für die christliche Kirche, den Islam, genau so wie für die Zeit des „Friedens durch Abschreckung" in der zweiten Hälfte des 20.JH. Kriege im Namen Gottes waren und sind keine Seltenheit. Und keineswegs waren während des Gleichgewichts der Kräfte immer alle der gleichen Meinung. Im Osten wie im Westen. Auch zum Friedensnobelpreis für Henry Dunant gab es unterschiedliche Meinungen. Dieser war wohl überzeugt, daß Krieg unvermeidlich ist und schuf das Rote Kreuz um die Leiden des Krieges zu lindern. Berta von Suttner fand deshalb den Nobelfriedenspreis für Dunant gar nicht so passend. Für diese galt kompromißlos das Ziel: die Waffen nieder.

Und auch die, die Frieden wollen, für Frieden eintreten, für Frieden kämpfen, tun das mit sehr unterschiedlichen Beweggründen und Herangehensweisen. Viel Menschlichkeit, Größe und Idealismus gibt's da, aber auch viel moralisieren und dozieren Das gilt vor allem, wenn das Nachdenken über Krieg und Gewalt nicht mit unmittelbarem persönlichen Leid verbunden ist. Die Männer, die hungrig, verwundet, aus dem 2. Weltkrieg kamen, wußten wovon sie redeten, manche Friedensredner an gut gedeckten Tischen unserer Tage, wissen's wohl nicht immer. Und gleichermaßen müssen wir uns vor pazifistischen Illusionen hüten. Ernsthaftes Bemühen um Frieden in der Welt darf sich nicht scheuen, Mut zur Veränderung anzumahnen, muß dabei aber davon ausgehen, wie die Dinge sind und wie der Mensch ist. Und protestieren allein genügt nicht, es müssen auch vernünftige Alternativen zur Friedensicherung gezeigt werden.

Das alles galt bisher und gilt auch heute noch. Aber jetzt, heute und morgen, gilt noch etwas ganz anderes. Es ist nun keine Zeit mehr zum moralisieren und dozieren. Die technische Revolution des 20.Jahrhunderts hat die Welt ganz grundsätzlich verändert. Hat uns an einen völlig neuen Punkt der Weltentwicklung geführt. Es ist etwas gänzlich Neues entstanden. Es geht nicht mehr um ob und was. Die komplizierte Problematik, Krieg und Frieden, ist ganz einfach geworden. Krieg können wir uns nicht mehr leisten! Rüstung und Krieg sind nicht bloß schlimm, böse, unmoralisch, sondern sind zivilisationsbedrohend geworden! Wir reden nicht mehr über menschliches Leid und ob wir das vermeiden, lindern können und wie wir das machen sollen, sondern wir müssen jetzt über den Fortbestand unserer Welt reden. Einstein hat das schon 1948 sehr klar ausgedrückt, wenn er schreibt:

„Wir Wissenschaftler erkennen an vielen Zeichen der Zeit, daß die Stunde der Entscheidung gekommen ist. Was wir innerhalb der nächsten Jahre tun - oder nicht tun-, entscheidet über die Zukunft unserer Zivilisation. Der Mensch muß einsehen, daß seine Geschicke mit denen seiner Mitmenschen in allen Teilen der Welt eng verknüpft sind. Große Gedanken sind oft in sehr einfachen Worten audgedrückt worden; im Schatten der Atombombe hat es sich mehr und mehr gezeigt, daß alle Menschen Brüder sind. Erkennen wir diese einfache Wahrheit und handeln wir danach, so kann die Menschheit zu einem höheren Plateau aufsteigen; sollten uns aber die wilden Wellen des Nationalismus weiter umtosen, so wären wir dem Untergang geweiht".

Einstein dachte dabei an die Atombombe, die Wasserstoffbombe, mit einer völlig neuen Dimension der Zerstörung menschlichen Lebens. Er dachte noch nicht an die Zivilisationsrisiken des 21.Jahrhunderts, die uns heute ganz unmittelbar bedrohen. In anderer Weise, aber noch viel gefährlicher. Und diese stehen in ganz direktem Zusammenhang mit der Frage Rüstung, Militarisierung, Krieg, auch wenn das auf den ersten Blick nicht so aussieht. Das läßt sich leicht am Beispiel des uns akut bedrohenden Klimawandels zeigen.

Wissenschaftler weisen schon seit über 10 Jahren auf die Gefahren des Klimawandels und eines nicht auszuschließendem Klimakollaps durch den CO2 Anstieg in der Atmosphäre hin. Und der letzte Winter hat uns deutlich vor Augen geführt, was der Report des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) wissenschaftlich belegt. In der am 06.04.2007 der Öffentlichkeit übergebenen „Zusammenfassung für Politiker" wurde, ohne jede Irrtumswahrscheinlichkeit, feststellt:

1.Der Kohlendioxid-Gehalt der Luft hat seit 1750 um 35% zugenommen. Die Zuwachsrate der letzten 10 Jahre ist die größte seit 50 Jahren. 78% der Erhöhung gehen auf die Nutzung fossiler Brennstoffe zurück und 22% auf Landnutzungsänderungen (z.B. Rodungen). Die für Klimaänderungen verantwortlichen Änderungen der Strahlungsbilanz werden vorwiegend durch Kohlendioxid verursacht, in kleinerem Umfang durch andere Treibhausgase. Änderungen der solaren Einstrahlung haben dagegen nur einen geringen Einfluss.


2.Die Erwärmung des Klimasystems ist ohne jeden Zweifel vorhanden. Die globale Oberflächentemperatur ist um +0,74°Cgestiegen, und 11 der letzten 12 Jahre waren die wärmsten seit Beginn der Aufzeichnungen. Die Temperaturzunahme der letzten 50 Jahre ist doppelt so hoch wie die der letzten 100 Jahre, und die Arktis hat sich doppelt so stark erwärmt wie im globalen Mittel. Die Häufigkeit heftiger Niederschläge hat zugenommen. Die schneebedeckte Fläche hat seit 1980 um etwa 5% abgenommen. Weltweit schrumpfen die Gletscher und tragen gegenwärtig mit 0.8 mm pro Jahr zum Meeresspiegelanstieg bei. Das Meereis verzeichnet in der Arktis seit 1978 einen Rückgang im Jahresmittel um 8% und im Sommer um 22%. Die Ozeane sind im globalen Mittel wärmer geworden, bis zu Tiefen von 3000 m. Der Meeresspiegel ist im 20. Jahrhundert um 17 cm gestiegen.

3.Klimaprojektionen für die nächsten 100 Jahre sagen - je nach Energienutzung - eine weitere Temperaturerhöhung (1.8 - 4.0 Grad ) und einen Meeresspiegelanstieg ( 28- 42 cm) bis zum Ende des 21. Jahrhunderts voraus
Auch nach vollständigem Ende der Emissionen wird der Meeresspiegel über viele Jahrhunderte ansteigen, bedingt durch weitere Erwärmung des tiefen Ozeans. Modellergebnisse lassen den Schluss zu, dass eine dauerhafte Erwärmung deutlich über 3°C zu einem Meeresspiegelanstieg um 7 m führen kann. Der Niederschlag wird in höheren Breiten sehr wahrscheinlich zunehmen, während es in den Tropen und Subtropen (einschließlich der Mittelmeerregion) wahrscheinlich zu einer Verminderung des Niederschlags kommen wird.

Das sind ganz konkrete Bedohungen, das ist eine neue Dimension von globaler Zerstörung und es läßt sich sehr leicht nachweisen, daß diese Bedrohungen in ganz direktem Zusammenhang mit globaler Rüstung, Militarisierung und Krieg stehen. Wenn über Klimawandel geredet wird, wird an unser aller Vernunft appelliert. Das ist richtig. Aber allein darüber zu reden, ist keineswegs ausreichend und manchmal sogar unfair. Die Mittel für einen wirksamen globalen Umwelt- und Klimaschutz können nicht die Bürger und schon gar nicht die in der Dritten Welt, aufbringen. Umweltsteuer, grüne Marke am Auto, sind richtig Doch damit werden wir die Probleme nicht lösen. Aber für umfassende Subventionen und kühne Investitionen zum Klimaschutz haben die Staaten kein Geld, wird gesagt. Die Mittel zu intensiverer Klimaforschung, für eine neuen technischen Revolution, wie das manche nennen, sind nicht da. Aber das stimmt doch nicht. Wir reden über Energieeinsparung beim kleinen Mann, in China, in Indien, aber wir reden nicht über die globale Rüstung, welche die dringend gebrauchten Mittel für einen wirklichen Kampf gegen den Klimawandel bindet. Reden nicht über die 80 blutigen Kriege in den letzten hundert Jahren, die unsinnig Energie und kostbarste Ressourcen verschlungen haben und immer noch ständig verschlingen.

Wir leben auf einem Erdball der globalen Hochrüstung,
wo schon der Krieg in den Sternen anvisiert wird, wo Raketenschilde geplant werden, wo Armeen, Flotten, mit riesigem Energieaufwand um den halben Erdball transportiert werden. Einem Erdball, wo die Rüstung, die Welt heute schon wieder mehr Geld kostet, als zu Zeiten des kalten Krieges. Derzeit werden deutlich mehr als 1000 Milliarden US$ jahrlich für die Rüstung ausgegeben (2005: 1 118 Mrd US$) bei einer Steigerung um 34% innerhalb der letzten 10 Jahre. Der internationale Waffenhandel meldet einen Umsatz von 268 Mrd US$ pro Jahr mit einer Steigerungsrate von 15%. Kosten des Irak-Krieges 745 Mrd.US $ mit dem Ergebnis von bisher ca. 4000 getötete US Soldaten bei weitaus größeren Verlusten seitens der Zivilbevölkerung . Das ist es, was unseren Erdball an den Rand des Klimakollaps führen kann. Dazu einige detailierte Angaben:

1.Ein Jahr Irakkrieg kostet 120 Milliarden US $. Das ist mehr als die USA jährlich für Forschung und Entwicklung ausgeben..

2.Die jährlichen Ausgaben für die Erforschung alternativer Energien betragen in der EU zur Zeit ca. 2 Milliarden bei 175 Milliarden Ausgaben für „Verteidigung". Deutschland gibt ca.1 Milliarde für die Erforschung alternativer Energien aus. Um die Erderwärmung zu stoppen, wären in Deutschland jährliche Investitionen in Höhe von vier Milliarden Euro erforderlich (erneuerbare Energien, Wärmedämmung), die nicht da sind. Ausgaben für „Verteidigung": 32 Milliarden pro Jahr.

So und ähnlich gehen wir auch mit anderen Zivilsationsrisiken um

3.Für die Krebsforschung geben die USA gegenwärtig 5.5 Milliarden pro Jahr aus, für die Erforschung neuer Waffen 84 Milliarden.

4.Pakistan, ein Land mit 55% Analphabeten, gibt mehr für Rüstung aus, als für Gesundheit und Bildung

Einstein hat ganz eindeutig Recht. Unsere Zivilisation ist vom Untergang bedroht, wenn wir Militarisierung und Krieg nicht Einhalt gebieten.

Dennoch, werden nun manche sagen, es gibt doch gerechte Kriege. Ein ernstzunehmendes Problem. Aber bei allem Respekt vor Idealen wie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sind Schlachtrufe wie: „Freiheit besser als Tod", „Tod den Tyrannen" heute keine Lösungswege mehr für soziale oder politische Konflikte. Dafür müssen ganz andere Lösungen gesucht werden müssen. Wiederum Einstein sagte bereits 1948:

„...das Problem von Friede und Sicherheit ist weit wichtiger als der Gegensatz Sozialismus und Kapitalismus. Denn erst muß man mal existieren, und dann kann man sich fragen, welche Form man für die Existenz vorzieht."

Manche werden diese Auffassung nicht teilen. Es wurde gesagt: Der Kapitalismus ist Schuld an allem Krieg und wenn der ganze Erdball sozialistisch ist, dann wird es keinen Krieg mehr geben. Spätestens 1990 ist klar geworden, daß dieser Ansatz genau so illusorisch ist, wie die Hoffnung, daß sich alle Menschen lieben, wenn man sie nur oft und lange genug dazu auffordert. Und deshalb gilt heute mehr denn je die Suche nach pragmatischen Lösungswegen zur Rettung unserer Zivilisation. Wir müssen um den Preis unseres Überlebens begreifen, was Benjamin Franklin sehr einfach gesagt hat: Der schlechteste Frieden ist besser als der beste Krieg. Aber von solcher Vernunft, von angemessener politischer Einsicht, sind wir weit entfernt Und das ist nicht neu: Unmittelbar nach dem 2.Weltkrieg schrieb Einstein über den Ost-West-Konflikt:

„Ich stimme auch darin ganz mit Ihnen überein, daß ein ehrlicher Mensch keiner der beiden Parteien bedingungslos recht geben kann. Es ist ein häßlicher Machtstreit, geführt mit der traditionellen Unehrlichkeit des politischen Gewerbes - hüben und drüben."

Wahrscheinlich würde Einstein heute ähnliches sagen, angesichts der Unverständlichkeiten, die uns die politischen Parteien präsentieren. Haben sich nicht linke Parteien Europas sehr weit von ihren Traditionen entfernt? Oder kann man es als anders bezeichnen, wenn man linke Politik der letzten Jahre mit einem Brief W. Liebknechts an Berta v. Suttner vergleicht, in dem dieser schrieb:

„Was Sie erstreben, den Frieden auf Erden, wir werden es durchführen - ich meine die Sozialdemokratie, welche in der Wahrheit eine große internationale Friedens-Liga ist -„


Und ist es nicht unverständlich, wenn Christen, christliche Parteien nicht konsequent gegen Abrüstung und Krieg sind? Rangieren dort inzwischen Macht- und Konsumdenken vor den Worten des Lukas Evangeliums oder der Römerbriefe? Christen sind weltweit gegen jede Form von Euthanasie. Weil Gott die Entscheidung über Leben und Tod trifft. Warum sind sie nicht mit gleicher Konsequenz weltweit gegen jede Form von Krieg? Aber da wird es Leute geben, die sagen, es ist eben nicht auszuschließen, das es schon mal nötig sein kann, einen Krieg für eine gerechte Sache zu führen. Es gibt Leute, die sogar von einem heiligen Krieg reden. Geht nicht. Ich bin gegen Euthanasie und ich bin in gleicher Konsequenz. gegen jeden Krieg. Dabei weiß ich auch, daß sicher manchmal Krieg nötig sein könnte, genau so wie manchmal Euthanasie sinnvoll sein könnte. Aber wer weiß denn, wer am Ende durch die Tür gehen muß, die wir aufmachen, wenn wir Euthanasie legalisieren. Und genau so sage ich: niemand weiß, wer alles leidet, wenn wir Krieg legalisieren. Kinder, Mütter, Alte. Das war richtig vor hundert Jahren. Heute ist es noch richtiger. Denn es geht nicht mehr nur um Leiden, es geht um die Existenz unserer Zivilisation. Die Frage lautet nun: Wer weiß denn, was mit unserer Zivilisation passieren kann, wenn wir Krieg unter bestimmten Bedingungen rechtfertigen. Das hat Papst Johannes Paul II der Welt und allen Christen klar gesagt, indem er auffordert:

„Um Krieg zu vermeiden und Frieden zu erreichen bedarf es nicht nur der Kraft der Intelligenz, sondern auch der Kraft von Ethik, Moral und Überzeugung.....Wir appellieren an die religiösen Leiter und andere Hüter moralischer Prinzipien, nachdrücklich und ständig auf die anstehenden grundlegenden Menschheitsentscheidungen hinzuweisen, damit diese verstanden und mitgetragen werden"

Daß auch ein Gleichgewicht der Kräfte keine ernstzunehmende Option zur Konfliktbewältigung ist, hat die Welt 1990 eingesehen. Gorbatschow hat das klar mit den Worten ausgedrückt:

„Die Rüstungsspirale samt den militärpolitischen Realitäten der Welt und den fortbestehenden Traditionen des vornuklearen politischen Denkens stehen jener Zusammenarbeit von Ländern und Völkern im Wege, ohne die die Staaten der Erde die Natur nicht zu erhalten vermögen und nicht gewährleisten , daß ihre Reichtümer sinnvoll genutzt werden und sich regenerieren können Das aber würde bedeuten, es kann kein menschenwürdiges Leben geben".

Bleibt die sehr schwere Frage: Was tun?

Die Antwort darauf muß emotional sein, denn unser aller Existenz fordert natürlich unser aller Emotionen heraus. Sie muß aber gleichzeitig rational sein, denn das Problem ist ein reales in einer realen Welt. Sicher ist, daß alle mitdenken, mitentscheiden müssen, denn es geht um unser aller Existenz. Das gilt ganz besonders, als die entstandene Situation beweist, daß sich die bisher verfügbaren Strukturen, die politischen Mechanismen, als nicht ausreichend erwiesen haben, die anstehenden existentiellen Probleme zu lösen. Die bedrohliche Situation ist entstanden, trotz Völkerbund und UNO, trotz der weihnachtlichen Friedensbotschaft an alle Gläubigen, trotz Friedensnobelpreis und Lenin Friedenspreis. Gefragt ist der Mut, sich kurzfristig und konsequent über Fehler und Mängel in der Suche nach Frieden und Sicherheit hinwegzusetzen und völlig neue Wege zu suchen um die globale Vergeudung von Ressourcen durch Rüstung und Krieg zu beenden und diese Ressourcen zu benutzen um die existenziellen Risiken für unsere Zivilisation zu beherrschen. Kein Zweifel besteht daran, daß die bestehenden politischen Strukturen dabei zu einer Führungsrolle aufgerufen sind. Damit, wie sie diese wahrnehmen, müssen sie unter Beweis stellen, ob sie ihrem Auftrag gerecht werden. Strukturen der Friedensbewegung können und sollen als Berater der politischen Entscheidungsträger eine wesentliche Rolle übernehmen. Hier kann wissenschaftlich gearbeitet und die Meinung der Bürger artikuliert werden. In diesem Sinne werden einige Gedanken zu den Erwartungen an eine Partei aus der Sicht des Zentrums für Friedensarbeit - Otto Lilienthal- Hansestadt Anklam zusammengestellt:

1.Die Politik des 21.JH muß davon ausgehen, daß ohne globale Entmilitarisierung die Existenz unserer Zivilisation in Frage gestellt ist.
2.Terrorismus und Islamismus als Rechtfertigung für die derzeit gigantische, globale Rüstung heranzuziehen ist wissenschaftlich nicht haltbar. Stattdessen wird in der internationalen Politik ein enger Zusammenhang zwischen Aggressionen, Krieg und Ressourcenausbeutung sichtbar. Auch das Prinzip des „divide et impera" lebt noch in der internationalen Politik. Die Parteien sind aufgerufen solche Entwicklungen entschieden zu verurteilen.
3.Die Stärkung und Demokratisierung der UNO und des Weltsicherheitsrates im Sinne einer „Weltregierung" verdienen nachdrücklich die Aufmerksamkeit der Politik. Das ist wichtiger als ein Sitz im Weltsicherheitsrat aus machtpolitischen Motiven.
4.Es ist unerläßlich, die nationalen Militärhaushalte nach einem strikten Zeitplan auf die ausschließlich UN Zielen dienenden Ausgaben zu reduzieren. Die eingesparten Mittel sind konsequent für Klimaschutz einzusetzen.
5.Die rasche Entwicklung angemessener, internationaler Sicherheitssysteme verdient Vorrang in der Politik. Ohne Sicherheit keine Abrüstung. Entscheidungsfindung und Kontrolle zu Sicherheitsbündnissen muß verbessert werden. Effektive und internationale Sicherheitsforschung verdient dringend stärkere Förderung.
6.Eine vorrangige Aufgabe aller Politik sollte es sein, für strikte Kontrolle und Offenlegung der nationalen und internationalen Waffenproduktion zu sorgen und auf deren drastische Einschränkung hinzuwirken. Unverzüglich sind internationale Abrüstungsinitiativen für Atomwaffen und schnellstmöglich für alle Waffen in Gang zu bringen. Dabei sind alle Länder gleichrangig zu behandeln.
7.Die Lieferung von Waffen in Krisengebiete ist international zu ächten.
8.Der Weltraum ist Weltanliegen. Nationale Weltraumprogramme ohne internationale Kontrolle sind wegen der Gefahr militärischer Inhalte strikt abzulehnen.
9.Länder und Regierungen, die sich von der Bewältigung einer weltweiten, schnellen Abrüstung ausschließen, verstoßen gegen die Existenzsicherheit unserer Zivilisation. Das Arsenal sinnvoller Gegenmaßnahmen seitens der UNO sollte ständig erweitert und qualifiziert werden und ohne Ausnahmen eingesetzt werden
10.Bei militärpolitischen Grundsatzentscheidungen sollte viel mehr als bisher von der Möglichkeit der Volksbefragung Gebrauch gemacht werden. Die Menschen und damit die Wähler, wollen weiter existieren und nicht ständig verteidigt werden. Davon leitet sich ein Recht auf Mitsprache ab.
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