WELTFRIEDENSTAG 1. September 2009
Presseberichte

Ostsee-Zeitung vom 03.09.2009
„An Afghanistan schieden sich die Geister"
Mit welchen friedenspolitischen Konzepten gehen die Kandidaten für den Bundestag im Wahlkreis 16 an den Start? Beim Podiumsgespräch in Anklam standen sie dazu Rede und Antwort.

Anklam. Deutschland als weltweit drittgrößter Rüstungsexporteur - das schmeckt offenbar vielen Bürgern gar nicht. Auch wenn diese Thematik im Wahlkampf der Etablierten derzeit kaum eine Rolle spielt. Politisch denkende Menschen, erst recht jene, die noch Weltkriegserfahrung haben, fordern ein Umdenken. „So kann es doch nicht weitergehen, wir brauchen Alternativen. Jede Waffe, die bei uns produziert und mit der anschließend umgegangen wird, bringt doch irgendwann Leben um", monierte beispielsweise Susanne Wiest, Direktkandidatin aus Greifswald. Und erhielt dafür starken Beifall des Auditoriums.

Das war am Dienstagabend im ehemaligen Wehrmachtsgefängnis, wohin die Stiftung „Zentrum für Friedensarbeit" und die OZ-Lokalredaktion zum Wählerforum eingeladen hatten, sehr gut besucht. Nach einer ebenso emotionalen wie wachrüttelnden Einführung durch Greifswalds Dompfarrer Matthias Gürtler hatte sich vor Christian Ahrendt, der schon seit 2005 für die Liberalen im Bundestag sitzt, heftiger Angriffe auf seine Haltung zur Rüstungsindustrie („eine Branche wie jede andere, die Arbeitsplätze sichert") zu erwehren. Sowohl Anne Klatt (B 90/Grüne) als auch Katharina Feike (SPD) und vor allem Peter Ritter (Linke) hielten da energisch dagegen. Sie waren sich auch darin einig, dass es einen möglichst schnellen, aber vor allem klug durchdachten Abzug der deutschen Soldaten aus Afghanistan geben müsse. Das bisherige deutsche Engagement am Hindukusch sei gescheitert. „Andere Modelle, dem Land und seinem Volk zivil und nachhaltig zu helfen, müssen und können entwickelt werden", so Ritter. Da habe die Politik bislang aber versagt, hieß es auch aus dem Publikum.

Während Matthias Lietz die Einladung aus Termingründen ausgeschlagen hatte, und die CDU auch keinen anderen Vertreter ins Podium entsandte, mischte sich auch im Laufe des Abends der Direktkandidat Jürgen van Raemdonck (Willi-Weise-Projekt) in die teils kontroversen und heftigen Debatten ein. Ihn einte mit Susanne Wiest die Forderung, die Wähler mögen sich von den Parteien ab- und ihnen zuwenden.

Gastgeber Prof. Stephan Tanneberger maß den Erfolg des Abends daran, dass immerhin fast zweieinhalb Stunden intensiv über Frieden debattiert worden sei.
STEFFEN ADLER

Nordkurier vom 03.09.2009
Den Bogen bis nach Wolgast gespannt
Die Bundestagskandidaten aus der Region diskutieren in Anklam über Friedenspolitik, Ab-
rüstung und den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan.

Ostvorpommern/Anklam. Ein echtes Podiumsgespräch sieht sicher ein wenig anders aus. Die vom Zentrum für Friedensarbeit organisierte Veranstaltung mit Bundestagskandidaten des Wahlkreises 16 im ehemaligen Wehrmachtsgefängnis in Anklam drohte phasenweise in wenig zielführende Diskussionen zwischen den Kandidaten und einigen Disputanten aus den Zuschauerreihen abzugleiten. Einer der Höhepunkte dabei war sicher die Abstimmung darüber, ob einer der Zuschauer die ganze Zeit über die voll besetzten Besucherreihen sowie die Podiumsteilnehmer filmen darf. Eindeutiges Ergebnis dieses demokratischen Aktes: Die Kamera muss aus.

Die Podiumsteilnehmer selbst- Christian Ahrendt von der FDP, der Bundestagsabgeordnete war kurzfristig für den Liberalen Christian Bartelt eingesprungen, der Vaterfreuden entgegensieht, Katharina Feike (SPD), die Grüne Anne Klatt, Peter Ritter (Die Linke) und die parteilose Susanne Wiest- bemühten sich spürbar, fair miteinander umzugehen. Beim eigentlichen Schwerpunkt der Debatte, dem Bundeswehreinsatz in Afghanistan, waren sich die fünf sogar weitestgehend einig, dass von der Politik ein Rückzugsszerenario für die Bundeswehr aus dem Land am Hindukusch erarbeitet werden müsse. Ansonsten wurden allerdings schon Unterschiede in den Ansichten deutlich. Während Ahrendt etwa die deutschen Rüstungsexporte verteidigte, weil dadurch hier „ auch Arbeitsplätze erhalten würden", schimpfte Ritter über diese Art von Geschäftetätigkeit. Er spannte den Bogen bis nach Ostvorpommern hin zur Peene-Werft. Bei Debatten mit Arbeitern habe er dort stets deutlich gemacht, dass er dagegen sei, dass in Wolgast wieder Kriegsschiffe zum Werftgeschäft zählten. „ Ich sage dann immer, lasst uns über Alternativen zum Kriegsschiffbau nachdenken", erklärte Ritter. Wiest glaubte sogar eine der Alternativen zu kennen.: das Grundeinkommen für alle - möglichts weltweit. „ Wer ein Grundeinkommen hat, der kann zu seinem Arbeitgeber eben auch sagen, Kriegsschiffe baue ich nicht", erklärte die Tagesmutter. Außerdem sorge ein sicheres Einkommen für mehr Zufriedenheit. „ Zufriedene Menschen schlagen sich nicht die Köpfe ein", sagte Wiest im Brustton der Überzeugung. Klatt sprach sich derweil gegen die weltweite Aufrüstung aus. Das schaffe keine Sicherheit für die einzelnen Länder, sondern schüre neue Bedrohungsängste.
Feike forderte, mehr Geld in die Entwicklungshilfe statt in die Rüstung zu stecken. Allerdings sollte es klare Vorgaben zur Verwendung dieser Mittel geben, damit sie nicht in den Taschen von Warlords landen. Außerdem, so meinte sie ausgemacht zu haben, „die Globalisierung macht vier Schritte, die Politik nur einen".

Den stärksten Beifall an diesem Abend bekommt aber ein Mann, der gar nicht für den Bundestag kandidiert. Der Greifswalder Dompfarrer Matthias Gürtler hält zu Beginn des Podiumsgesprächs am Weltfriedenstag eine nachdenkliche und tiefgründige Rede. Immer öfter würden bei Konflikten militärische Maßnahmen über zivile Lösungsansätze dominieren. Das sei falsch. Vielmehr müssten zivile Lösungen für Konflikte entwickelt werden, die die militärischen Lösungsversuche vollständig ablösen.
HARTMUT ZARNEKOW