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Friedenspädagogik

"Was hat Afghanistan mit mir zu tun?"
Die neue Herausforderungen der Friedenspädagogik


THESE 1:
Die Realitäten in Afghanistan machen gegenwärtig radikales Denken und grundsätzlich neue Überlegungen über Kriegsalternativen erforderlich. Denn das Kriegsende in Afghanistan ist ungewiss.
Aus meiner Sicht ist daher eine Volksbefragung zum Rückzug der deutschen Soldaten aus Afghanistan überfällig. Dabei möchte ich herausstellen: Die konträren Positionen der Berliner parlamentarischen Entscheidungen gegenüber der Meinungsmehrheit der deutschen Bevölkerung zur Frage der Bundeswehreinsätze in Afghanistan fördern keine friedensorientierte demokratische Kultur.
Was dagegen notwendig ist, bezieht sich auf die Bündelung aller gesellschaftlichen Friedensinteressen zur Stabilisierung von realen Friedenschancen; des weiteren kommt es auf die Überwindung der instabilen gesellschaftlichen Infrastruktur an, z. B. durch eine Vielzahl von qualifizierten zivilgesellschaftlichen Friedens- und Konfliktprojekten, die mit professionellen Friedensfachkräften besetzt werden.
Falls dabei die Friedensarbeit als Frühwarnsystem gegen Krieg und Gewalt und für eine zukunftsfähige alternative Friedenspädagogik verstanden werden kann, dürfte dies zu einem überragenden Stellenwert gesellschaftlicher Friedensfähigkeit führen.


THESE 2:
Die in der Friedenspädagogik gerade auch zu lokalen Problemen zu realisierenden Innovationen sind schon im institutionellen Schulalltag unerlässlich.
Durch eine derartige Praxis, die seit Jahren für die moderne Schule gefordert wird, kann die soziale Aufmerksamkeit, die veränderte Bewusstseinspraxis, der konstruktive dialogische Widerspruch und der Widerstand gegen Fehlentwicklungen, Unmensch­lichkeiten und Unterdrückungsmethoden zur Geltung kommen.
Das ist die zu thematisierende kritische Aufklärungsarbeit einer politischen Friedenspädagogik, beispielsweise auch durch die Klärung nachfolgender Fragen:
Was kostet ein Kind oder ein Jugendlicher im aufgezwungenen Hartz-IV-Milieu, wenn Armut in der Familie bei Arbeitslosigkeit und knapper Kasse bewältigt werden soll? Welche sozio-kulturellen Auswirkungen spielen nach jüngsten Quellen eine große Rolle? Ist etwa die Ankündigung der Berliner Regierung für das Wahljahr 2009 bezüglich der massiven Reduzierung von bundesweiter Armut bei Kindern und Jugendlichen eine zuverlässige Aussage? Unverzichtbare Lebensbedingungen des inneren Sozialen Friedens sollten gegen benachteiligte Bürgerinnen und Bürger weder ausgehebelt noch zerstört werden.

THESE 3:
Friedenspädagogische Bildungsarbeit erfordert sowohl für lokale als auch für weltweite Themen eine neue und erweiterte entwicklungspolitische Basis in Schule, Hochschule und Fortbildungseinrichtungen, die vernetzt werden sollten.
Die Umsetzung mit pädagogischen Teams intendiert die Auflösung von friedensfernen Bedingungen und Verhältnissen durch Friedensstrukturen (ESSER/von Kietzell u.a. 1996).
Friedenspädagogische Bildungsarbeit müsste im Schulbereich auf den fächerübergreifenden Ausbau der Friedenspädagogik ausgerichtet werden.
Erfolgreiche Motivationsmethoden könnten dazu eine wichtige Arbeitsunterstützung darstellen (SMOLKA 2004; RHEINBERG 2006).

THESE 4:
Die Weiterentwicklung der Friedensbildung und Friedensfähigkeit (ESSER 2008) ist mit der Erarbeitung von neuen Grundlagen und Alternativen der Gewaltkultur zu ergänzen. Praktische Ansätze betreffen natürlich die Friedensarbeit in der Schule genauso wie die pädagogisch-politische Arbeit für Kommunale Friedensarbeit.
Für eine friedensfähige Demokratie ist deshalb für institutionelle, innergesellschaftliche und internationale Aufgaben und Projekte die Friedenspädagogin / der Friedenspädagoge als neuer Beruf für Schule, Sozialarbeit und politische Erwachsenenbildung überfällig. Dieser Berufsschwerpunkt kann an Hochschulen, Universitäten und Fortbildungseinrichtungen der Sozialpädagogik realisiert werden.
Fördermaßnahmen für die politische Friedenspädagogik zielen auf internationale Pilotprojekte von Friedensorganisationen, auf Projekte der UNESCO, auf Stiftungen für wissenschaftliche Forschungsprojekte, auf Modellprojekte der EU, auf die Berliner Bildungspolitik zur Einrichtung von Lehrstühlen, auf die Bildungs- und Hochschulpolitik der Länder, auf innovative Hochschulprojekte.

Prof. Dr. Johannes Esser

Universität Lüneburg
21365 Adendorf

mail: johannes.esser@freenet.de