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Der Anklamer Friedenswald

Anklamer Wald für Frieden: Der Anfang ist gemacht

Prof. Dr. Dr. Stephan Tanneberger, Stiftungsvorstand
Zentrum für Friedensarbeit, Otto Lilienthal-Hansestadt Anklam

1. Warum ein Wald für Frieden in Anklam?

Der am 02.02.2007 veröffentlichte 4. Bericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), das von der World Meteorological Organisation und dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen geschaffen wurde, stellt eine Reihe Änderungen im Klimasystem der Erde fest. Die wichtigsten davon sind folgende:

1. Der Kohlendioxid-Gehalt der Luft hat seit 1750 um 35% von 280 ppm auf 379 ppm im Jahr 2005 zugenommen. Die Zuwachsrate der letzten 10 Jahre ist die größte seit 50 Jahren. Der heutige Wert ist der größte in den letzten 650.000 Jahren. 78% der Erhöhung gehen auf die Nutzung fossiler Brennstoffe zurück und 22% auf Landnutzungsänderungen (z.B. Rodungen).

2. Die für Klimaänderungen verantwortlichen Änderungen der Strahlungsbilanz werden vorwiegend durch Kohlendioxid verursacht, in kleinerem Umfang durch andere Treibhausgase. Änderungen der solaren Einstrahlung haben dagegen nur einen geringen Einfluss.

3. Die Erwärmung des Klimasystems ist ohne jeden Zweifel vorhanden. Die globale Oberflächentemperatur ist um +0,74°C gestiegen

4. Die Häufigkeit heftiger Niederschläge hat zugenommen.

5. Die Ozeane sind im globalen Mittel wärmer geworden, bis zu Tiefen von 3000 m. Diese Erwärmung hat zum Anstieg des Meeresspiegels beigetragen. Der Meeresspiegel ist seit 1993 durchschnittlich um etwa 3 mm pro Jahr gestiegen, im 20.Jahrhundert um 17 cm. Davon ist etwas mehr als die Hälfte verursacht durch thermische Ausdehnung des wärmeren Ozeans, etwa 25% durch Abschmelzen der Gebirgsgletscher, und etwa 15% durch das Abschmelzen der Eisschilde.

6. Klimaprojektionen für die nächsten 100 Jahre lassen sich überzeugend durch Klimamodelle simulieren. Solche Modelle sagen - je nach Energienutzung - eine weitere Temperaturerhöhung und einen Meeresspiegelanstieg bis zum Ende des 21.Jahrhunderts voraus. Für die letzte Dekade des 21.Jahrhunderts ist der wahrscheinlichste Wert der globalen Erwärmung für das niedrigste Szenario 1.8°C (1.1 bis 2.9°C), und für das höchste Szenario 4.0°C (2.4 bis 6.4°C). Für den Anstieg des Meeresspiegels sind die Projektionen für 2090-2100: 18-38 cm für das niedrigste und 26-59 cm für das höchste Szenario.

7. Modellergebnisse lassen den Schluss zu, dass eine dauerhafte Erwärmung deutlich über 3°C über Jahrtausende zu einem vollständigen Abschmelzen des grönländischen Inlandeises führen würde, entsprechend einem Meeresspiegelanstieg um 7m.

Die öffentliche Reaktion auf diese absolut gesicherten Tatbestände ist sehr unterschiedlich und reicht von Horrorszenarien bis zu ironischer, skeptischer oder befremdlicher Ignoranz. Beides ist falsch. Richtig ist das zu tun, was die Menschheit bisher immer getan hat, wenn Gefahr droht, nämlich präventiv zu denken und zu handeln. Tatenlosigkeit angesichts von persönlichen oder gesellschaftlichen Risiken kann schlimme und schlimmste Folgen haben. Das gilt für den Klimawandel weit mehr als für Risiken im Straßenverkehr, Seuchen oder Tabakschaden. Und Geschwindigkeitskontrollen, Schutzimpfungen oder Nichtraucherschutz praktizieren wir mit hohen Kosten bei einem weitaus geringerem Zivilisationsrisiko als beim Klimawandel. Die Maßnahmen gegen die Vogelgrippe sind das überzeugendste Beispiel für präventives Denken in den letzten Jahren. Selbst einschneidende Maßnahme, nachteilig für Tourismus und die Kleintierhaltung, wurden rigoros durchgesetzt.

Beim Klimawandel verläuft alles bisher anders. Seit mindestens 10 Jahren weisen Wissenschaftler auf die wachsende Gefahr des Treibhauseffekts hin. Die Antwort der Weltöffentlichkeit darauf war für lange Zeit zögerlich. Politik und Wirtschaft versagten. Das Kyoto-Protokoll wurde von der Weltführungsmacht USA, die gleichzeitig Hauptverursacher des Klimawandels ist, nicht unterzeichnet. Gigantische Militärhaushalte versperren den Weg zu angemessenen Maßnahmen zur Senkung der Kohlendioxyd-Belastung der Atmosphäre. Konferenzen wie der EU Gipfel im März 2007 müssen erst nachweisen, daß außer verbalen Beteuerungen, Maßnahmen in Gang gebracht werden, die meßbar etwas verändern.

Im Gegensatz zum weitgehenden Versagen der Verantwortlichen, gibt es eine wachsende außerparlamentarische Weltbewegung für Klimaschutz. An deren Spitze hat sich der ehemalige Vizepräsiden der USA, Al Gore, gestellt. Von ganz entscheidender Bedeutung war der Aufruf der Friedensnobelpreisträgerin 2004, Wangari Maathai, auf der UN Klimakonferenz im November 2006 in Nairobi, eine Milliarde Bäume zu pflanzen. Die Stiftung Zentrum für Friedensarbeit-Otto Lilienthal-Hansestadt Anklam fühlt sich seit ihrer Gründung im Jahr 2005 und mit ihrem Motto „Für Frieden zwischen den Menschen und mit der Natur" dem Zusammenhang zwischen Frieden und Umweltschutz verpflichtet. Demgemäß war es selbstverständlich, sich der Initiative von Wangari Maathai anzuschließen.

Was ist bisher in Anklam geschehen?

Die Initiative Wald für Frieden fand viel Unterstützung bei den Anklamern. Diese haben verstanden, daß keine Zeit mehr für verbale und zeitraubende Erörterungen zum Klimaschutz gegeben ist, sondern daß es auf rasches und effektives Handeln ankommt, wenn ein Klimakollaps verhindert werden soll. Sie haben verstanden, daß der dringliche Aufruf von Wangari Maathai nicht ein Aufruf für das nächste Jahrzehnt, sondern für 2007 ist.

Spontan haben 168 Personen verbindlich zugesagt, das Vorhaben Wald für Frieden und gegen Klimawandel mit Eigenleistungen verschiedenster Art zu unterstützen. 17 Bürger haben einen Baum gespendet. Allein das hätte aber nicht ausgereicht, um das Projekt zu realisieren. Gelungen ist das durch eine großzügige Förderung der Norddeutschen Stiftung für Umwelt und Entwicklung (NUE), die eine Zuwendung aus Erträgen der Bingo Umweltlotterie möglich machte. Eine Spende durch den Verein zur Förderung der Beschäftigungsinitiativen e.V., Strassburg war eine große Hilfe.

Nach sorgfältiger Vorbereitung wurden am 10.11.2007 von zahlreichen freiwilligen Helfern mit Spaten und viel gutem Willen, unter Ihnen der ehemalige Umweltminister von MV, Prof. Wolfgang Methling und der Bürgermeister der Hansestadt Anklam, Michael Galander, über 200 Bäume gepflanzt. Die dazu notwendige Sachkunde und der erforderliche Maschinenpark, wurde in einer freiwilligen Leistung durch Stadtförster Behrends und dessen Mitarbeitern sowie den GALA Bau Hagemann Anklam gesichert.

Die Initiative wurde in die offizielle Berichterstattung zur Kampagne „Pflanzen für den Planeten" des UN-Umweltprogramms (UNEP) aufgenommen
(www.unep.org/billiontreecampaign). Es besteht kein Zweifel, daß Anklam, als die erste und vorerst einzige Stadt in Mecklenburg-Vorpommern mit einem Wald für Frieden, weiter an Profil als Stadt des Friedens gewinnt. Anklam wird so ein Beispiel geben, wie eine Stadt sich Fragen unserer Zeit stellt und zudem touristisch noch attraktiver werden.