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KRIEG UND FRIEDEN AM BEGINN DES 21. JAHRHUNDERTS
Schlatkow 18. 04. 2007

Prof. Dr. Dr. Stephan Tanneberger,
Zentrum für Friedensarbeit
Otto Lilienthal - Hansestadt Anklam

Hier in Schlatkow wurde vor 200 Jahren, am 18. April 1807, dank militärischer Vernunft und Zivilcourage, ein Waffenstillstand geschlossen, der tausende vielleicht zehntausende Menschenleben rettete. Hans Henrik von Essen, der schwedische Generalgouverneur von Pommern und der französische General Edouard Adolphe Motier besaßen die Klugheit die Situation der Welt zu begreifen und hatten den Mut zum Handeln. Acht Jahre später besaß ein anderer General Napoleons nicht diese Klugheit und hatte keinen Mut zum Handeln. Er hatte nicht die Zivilcourage, den befohlenen Weg zu verlassen um zu siegen. Durch die Zaghaftigkeit und Unentschlossenheit des Generals Grouchy wird, wie es Stefan Zweig nennt, „zerschlagen, was der Kühnste und Weitblickendste in zwanzig heroischen Jahren erbaut hat". Man kann sicher streiten über die Rolle Napoleons in der Geschichte. Unbestreitbar ist: Klugheit, Mut und Zivilcourage sind notwendig, wenn es um entscheidende Dinge in unserer Welt geht

Das war so und das wird immer so bleiben. Und deshalb ist Nachdenken über Klugheit, Mut und Zivilcourage heute mehr denn je geboten. Denn es geht in unserem Jahrhundert nicht mehr um entscheidende Dinge sondern wir stehen vor alles entscheidendenDingen unserer Zivilisation. Das will mancher nicht hören. Aber Klimawandel, Energie- und Trinkwasserkrise, der Vormarsch unheilbarer Krankheiten, sind Dinge, die ohne jeden Zweifel den Fortbestand unserer Zivilisation bedrohen. Wie wir mit diesen Dingen umgehen, macht vielen und auch mir große Sorgen. Irgend etwas stimmt da nicht mehr, mit der Verantwortung für unsere Zivilisation und mit unserem Arterhaltungstrieb. Die Rufe nach Ehrfurcht vor dem Leben, nach Vernunft, von Leuten wie Albert Schweitzer, Einstein, sind verhallt in der Konsumwelt, die uns umgibt. Solche Rufe passen nicht in die Machtwelt, in der wir leben. Macht ist angesagt. Macht einzelner auf Kosten anderer. Macht um jeden Preis. Und die, die Macht haben oder haben wollen, denken nicht daran, daß Macht und Besitz nichts wert sind auf einem Erdball, auf dem Menschen und am Ende sie selbst, nicht mehr leben können.

Das läßt sich leicht am Beispiel Klimawandel und der Einführung alternativer Energie zeigen. Wissenschaftler weisen schon seit über 10 Jahren auf die Gefahren des Klimawandels und eines nicht auszuschließendem Klimakollaps durch den CO2 Anstieg in der Atmosphäre hin. Und der letzte Winter hat uns deutlich vor Augen geführt, was der Report des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) wissenschaftlich belegt. In der am 06.04.2007 der Öffentlichkeit übergebenen „Zusammenfassung für Politiker" wurde, ohne jede Irrtumswahrscheinlichkeit, feststellt:
1. Der Kohlendioxid-Gehalt der Luft hat seit 1750 um 35% zugenommen. Die Zuwachsrate der letzten 10 Jahre ist die größte seit 50 Jahren. 78% der Erhöhung gehen auf die Nutzung fossiler Brennstoffe zurück und 22% auf Landnutzungsänderungen (z.B. Rodungen). Die für Klimaänderungen verantwortlichen Änderungen der Strahlungsbilanz werden vorwiegend durch Kohlendioxid verursacht, in kleinerem Umfang durch andere Treibhausgase. Änderungen der solaren Einstrahlung haben dagegen nur einen geringen Einfluss.
2. Die Erwärmung des Klimasystems ist ohne jeden Zweifel vorhanden. Die globale Oberflächentemperatur ist um +0,74°Cgestiegen, und 11 der letzten 12 Jahre waren die wärmsten seit Beginn der Aufzeichnungen. Die Temperaturzunahme der letzten 50 Jahre ist doppelt so hoch wie die der letzten 100 Jahre, und die Arktis hat sich doppelt so stark erwärmt wie im globalen Mittel. Die Häufigkeit heftiger Niederschläge hat zugenommen. Die schneebedeckte Fläche hat seit 1980 um etwa 5% abgenommen. Weltweit schrumpfen die Gletscher und tragen gegenwärtig mit 0.8 mm pro Jahr zum Meeresspiegelanstieg bei. Das Meereis verzeichnet in der Arktis seit 1978 einen Rückgang im Jahresmittel um 8% und im Sommer um 22%. Die Ozeane sind im globalen Mittel wärmer geworden, bis zu Tiefen von 3000 m. Der Meeresspiegel ist im 20. Jahrhundert um 17 cm gestiegen.
3. Klimaprojektionen für die nächsten 100 Jahre sagen - je nach Energienutzung - eine weitere Temperaturerhöhung (1.8 - 4.0 Grad ) und einen Meeresspiegelanstieg ( 28- 42 cm ) bis zum Ende des 21. Jahrhunderts voraus Auch nach vollständigem Ende der Emissionen wird der Meeresspiegel über viele Jahrhunderte ansteigen, bedingt durch weitere Erwärmung des tiefen Ozeans. Modellergebnisse lassen den Schluss zu, dass eine dauerhafte Erwärmung deutlich über 3°C zu einem Meeresspiegelanstieg um 7m führen kann. Der Niederschlag wird in höheren Breiten sehr wahrscheinlich zunehmen, während es in den Tropen und Subtropen (einschließlich der Mittelmeerregion) wahrscheinlich zu einer Verminderung des Niederschlags kommen wird.

Das sind alarmierende Zahlen, die rasches Handeln verlangen. Aber trotz vielfältiger Beteuerungen sind wir davon weit entfernt. Das Schicksal der Kyoto Vereinbarung beweist das. Und wie wird es weitergehen? Ermahnungen zu Energiesparlampen oder zum Verzicht auf unnötige Flugreisen sind sicher sinnvoll. Auch wenn den Bürgern neue Belastungen bei Sprit, Kfz Steuer und Maut in Aussicht gestellt werden, ist das sicher wahr und unvermeidlich. Aber alles das, was da vom kleinen Mann erwartet wird, worüber wir uns jetzt die Köpfe heiß reden, ist nur ein kleiner Teil der Erfordernisse und Möglichkeiten für einen erfolgreichen Schritt gegen den drohenden Klimakollaps. Darüber sollte auch der Jubel über eine boomende Öko-Industrie nicht hinwegtäuschen. Die Mittel für einen wirksamen globalen Umwelt- und Klimaschutz können nicht die Bürger und schon gar nicht die in der Dritten Welt, aufbringen. Umweltsteuer, grüne Marke am Auto, sind richtig Doch damit werden wir die Probleme nicht lösen. Aber für umfassende Subventionen und kühne Investitionen zum Klimaschutz haben die Staaten kein Geld, wird gesagt. Die Mittel zu intensiverer Klimaforschung, für eine neue technischen Revolution, wie das manche nennen, sind nicht da. Aber das stimmt doch nicht. Wir reden über Energieeinsparung beim kleinen Mann, in China, in Indien, aber wir reden nicht über die globale Rüstung, welche die dringend gebrauchten Mittel für einen wirklichen Kampf gegen den Klimawandel bindet.Reden nicht über die 80 blutigen Kriege in den letzten hundert Jahren, die unsinnig kostbarste Ressourcen verschlungen haben und immer noch ständig verschlingen. Wir leben auf einem Erdball der globalen Hochrüstung, wo schon der Krieg in den Sternen anvisiert wird, wo Raketenschilde geplant werden, wo Armeen, Flotten mit riesigem Energieaufwand um den halben Erdball transportiert werden. Einem Erdball, wo militärische Rüstung die Welt heute schon wieder mehr Geld kostet, als zu Zeiten des kalten Krieges. Das ist es vor allem, was unseren Erdball an den Rand des Klimakollaps führt. Und darüber müssen die Verantwortlichen ganz schnell reden und vor allem müssen die etwas tun. Aber bisher tun sie nicht. Dazu einige Zahlen:

·1 Jahr Irakkrieg kostet 120 Milliarden US $. Das ist mehr als die USA jährlich für Forschung und Entwicklung ausgeben
·Die jährlichen Ausgaben für die Erforschung alternativer Energien betragenin
der EU zur Zeit ca. 2 Milliarden bei 175 Milliarden Ausgaben für „Verteidigung".
·Deutschland gibt ca.1 Milliarde für die Erforschung alternativer Energien aus. Um die Erderwärmung zu stoppen, wären in Deutschland jährliche Investitionen in Höhe von vier Milliarden Euro erforderlich (erneuerbare Energien, Wärmedämmung) die nicht da sind. Ausgaben für „Verteidigung": 32 Milliarden pro Jahr.
Und so und ähnlich gehen wir auch mit anderen Zivilsationsrisiken um. Für die
· Krebsforschung geben die USA gegenwärtig 5,5 Milliarden pro Jahr aus, für die Erforschung neuer Waffen 84 Milliarden
·Pakistan, ein Land mit 55% Analphabeten, gibt mehr für Rüstung aus, als für Gesundheit und Bildung

Solche Fehlleistungen unserer Zivilisation zu verändern, fällt offenbar schwer. „Das Ergebnis des Weltklimagipfels 2006 in Nairobi ist frustierend" mußte der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) einschätzen. Und Beobachter des EU Klima-Gipfels vom März 2007 schätzten ein: „Im Detail erweist sich der EU Klimakompromiß als Trickserei. Die Politik reagiert mit Rechenspielchen auf die größte Bedrohung der Gegenwart. Zum Verhindern der Klimakatastrophe fehlt ihr der Mumm". So werden wir also nicht weiterkommen. Mit Konferenzreden, Toasts beim Dinner und Händeschütteln vor der Kamera. Den Krieg gegen die großen Bedrohungen unserer Epoche werden wir nicht gewinnen ohne mutige Generäle, ohne kluge Leute, mit der Zivilcourage zum Handeln im Interesse unserer Zivilisation. Und das nicht morgen oder gar übermorgen, sondern heute.

Ein Waffenstillstand auf dieser Erde muß her. Schnell. Und darüber sollten die Mächtigen der Welt im Juni in Heiligendamm reden. Klar und unmißverständlich. Sie sollten alle ihre politische Macht denen entgegensetzen, die Waffen entwickeln, bauen und verkaufen. Und sie sollten die eigene Machtwünsche kritisch überdenken und dabei nicht vergessen: Was nützt ihren Völkern, den eigenen Kindern die Macht, wenn unsere Zivilisation zu Grunde geht. In diesem Sinne kann uns Schlatkow und der Mut zweier Generäle eine Menge lehren. Es braucht ca. 16 Billionen $, haben kluge Leute ausgerechnet, um dem Klimawandel auf unserem Globus rasch und wirksam zu begegnen. Eine gigantische Summe. Aber das heißt nicht mehr und nicht weniger, als 10 Jahre Waffenstillstand auf unserer Erde. Keine Waffenproduktion, keine Rüstung, kein Krieg. Natürlich ist so ein Entschluß nicht einfach. Die Politiker werden mit den Schultern zucken, abwinken oder lachen. Aber wie lange werden sie noch lachen. Die Natur fragt nicht danach, was G.W. Bush will. Sie werden den Verlust von Arbeitsplätzen ins Feld führen. Aber was sagte kürzlich einer resignierend, der was von der Sache versteht: Manchen Leuten kostet die Rettung der Welt eben zu viele Jobs.

Aber man darf nicht resignieren. Zu viel steht auf dem Spiel. Und wenn nicht sofort weltweiter Frieden gelingt, dann setzen wir vielleicht wenigstens 15% weniger Geld in Deutschland für den Verteidigungshaushalt ein. Ein Signal wäre das. Und dann hat unser Land die Mittel, um alles zu finanzieren, was Deutschland braucht für den Klimaschutz. Soviel Mut müssen wir schon haben, wenn wir weiterleben wollen. Nehmen wir uns ein Beispiel an den Generälen Hans Henrik von Essen und Adolphe Mortier. Haben wir Mut zum Frieden! Haben wir den Mut zur Erhaltung unsere Zivilisation ! Fordern wir von den Mächtigen der Welt die Klugheit, vielleicht einen Streit zu verlieren, aber eine Welt zu gewinnen.

Ich bringe Ihnen die Grüße des Zentrums für Friedensarbeit-Otto Lilienthal- Hansestadt Anklam . Wir sind auch nicht immer mutig, aber wir versuchen uns und anderen ein bißchen Mut zu machen, zum mutig sein.